Neubeginn der Beziehungen


Mit den «10 Seelisberger Thesen» wurde vor sechzig Jahren der christlich-jüdische Dialog begründet. Rückblick auf zweitausend
Jahre Geschichte, die durch Vorurteile, Hass und Leid geprägt war. Aus dem September Kirchenboten:

 

 

SEELISBERG • Der Regen hatte kurz ausgesetzt, als sich eine Schar christlicher und jüdischer Würdenträger in Luzern hinter dem Bahnhof versammelte, um nach Seelisberg zu fahren. Denn im verschlafenen Feriendorf über dem Vierwaldstättersee fand ein Festakt zum 60-Jahre-Jubiläum der «Dringlichkeitskonferenz gegen den Antisemitismus» statt.
150 Gäste und Medienvertreter kamen zur Feier in der Turnhalle, darunter Thomas Wipf, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, der Zürcher Kirchenratspräsident Ruedi Reich, Michel Bollag, Leiter des Zürcher Lehrhauses, Alfred Donath, Präsident der israelitischen Gemeinschaften der Schweiz oder Norbert Hofmann, Sekretär für die religiösen Beziehungen zum Judentum des Heiligen Stuhls. Am Nachmittag traf Bischof Kurt Koch als Vertreter der Bischofskonferenz ein.
Schon die Gästeliste zeigte die Bedeutung dieser Konferenz, die vor sechzig Jahren im beschaulichen Hotel Kulm stattgefunden hatte. Unter dem Eindruck der Verbrechen der Nazis an der jüdischen Bevölkerung trafen sich 1947 Vertreter christlicher Kirchen mit denen jüdischer Gemeinden und formulierten zehn Thesen zur Überwindung des kirchlichen Antisemitismus.

Fatale Wirkungsgeschichte
Die Auseinandersetzung zwischen der jüdischen und den ersten jüdisch-hellenistischen-christlichen Gemeinden, führte indirekt zum Völkermord der Nazis. Sätze des Neuen Testaments – wie «Sein Blut komme über uns» oder «Wenn Gott euer Vater werde, würdet ihr mich lieben... Ihr stammt vom Teufel ab, als eurem Vater.» (Joh 8,40 - 44) – entstanden aus dem Zwist zwischen der Synagoge und den urchristlichen Gemeinden im ersten Jahrhundert.
Sie wurden jedoch als generelle Aussagen über die Juden verstanden und entwickelten eine fatale Wirkungsgeschichte. Sie dienten immer wieder zur Rechtfertigung der Diskriminierung und der Progrome an der jüdischen Bevölkerung. Die Juden wurden zum Heilandstöter, zum verfluchten Volk, das ohne den Schutz Gottes über die Erde verstreut war.
«Der religiös motivierte Antijudaismus wurde zur allgemeinen Ideologie, welche die persönliche, gesellschaftliche und politische Mentalität bestimmte», meint der Theologe Werner Kramer, Präsident der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz. «So entstand der Nährboden, auf dem sich im 19. und 20. Jahrhundert der rassenbiologisch begründete Antisemitismus entwickeln und ausbreiten konnte.»

Am Rand der Gesellschaft
Als das Christentum im vierten Jahrhundert im römischen Reich Staatsreligion wurde, wurden Juden im besten Fall geduldet. Sie standen ausserhalb der Kirche und der christlichen Gesellschaft und durften nur in Quartieren leben und in den Sparten arbeiten, die Christen zu «schmutzig» waren. Da die mittelalterlichen Kirchen den Christen auf Grund des biblischen Zinsverbotes das Geldverleihen verbot, mussten Juden für den Geldfluss sorgen. Die Figur des geldgierigen Judens war geboren.
Stereotyp wurden Vulgärvorwürfe gegen die «Juden» wiederholt und von Generation zu Generation weitergegeben. Man bezichtigte sie der Brunnenvergiftung, Lüs-ternheit gegenüber Christinnen oder der Ursprung von Pestepidemien zu sein. Juden wurden zu klassischen Sündenböcken, die verfolgt, vertrieben und tot geschlagen wurden. Überall in Europa richtet man im Mittelalter für sie Scheiterhaufen auf. In Basel und Zürich kam es während den Pestepidemien zu Progromen, in denen sich beispielsweise 1348/49 ehrbare Zürcher Bürger, wie der Bürgermeister Rudolf Brun, bereicherten.
Für Matthias Krieg, Theologe und Germanist, zeigt sich diese unheilvolle Entwicklung auch in der Figur des Judas: «Es war verhängnisvoll, dass Judas, der zum Verräter am Messias dämonisiert wurde, nach dem Land Judäa hiess.» Das habe die Türen geöffnet für den theologischen Antisemitismus, der sich in mittelalterlichen Ritualen wie Judasjagen und Judasverbrennen auslebten. Christen verbrannten den Judas und meinten die Juden.
An der Haltung der Kirchen gegenüber den Juden änderte die Reformation wenig: Doch während Martin Luther in seinen Tiraden die Juden nicht nur zum Teufel wünschte, sondern zur Brandschatzung und zum Totschlag aufrief, sind solche Töne bei Huldrych Zwingli nicht zu finden. Der Zürcher Reformator betonte die Einheit des Alten Testament. Es passt ganz zu seiner Geisteshaltung, dass sowohl der getaufte Jude Michael Adam bei der Übersetzung des Alten Testamentes mitwirkte, wie auch, dass Zwingli in direktem Kontakt mit dem Arzt Moses von Winterthur stand. Weniger glänzend steht dagegen Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger da: Er riet den reformierten Augsburgern 1572 ab, den Juden in ihrer Stadt das Aufenthaltsrecht zu gewähren. Aber gegenüber Luthers Pamphleten scheinen Bullingers Äusserungen indes den Antisemitismus seiner Zeit abgemildert wiederzugeben.
Auch die spätere reformierte Pfarrerschaft war gegenüber den Juden unentschieden. Dafür steht beispielsweise der Zürcher Pfarrer Johann Caspar Ulrich (1705 bis 1768). Er begegnete den Juden offen und freundlich und hat sogar eine koschere Küche zur Verköstigung jüdischer Gäste eingerichtet. Der Zürcher Pfarrer tischte aber seinen jüdischen Gästen nicht nur auf, sondern missionierte sie – zum Beispiel den Juden Joseph Guggenheim. Der getaufte Guggenheim stürzte in eine schwere Identitätskrise. In den letzten Lebensjahren lebte er in geis-tiger Umnachtung.
Typisch für den ansonsten judenfreundlichen Ulrich: Trotz seines Respektes gegenüber der jüdischen Kultur rechtfertigte er die Judenverfolgung in den Zeiten der Pest als ein «gerechtes Gericht Gottes über die unter dem erschrecklichen Bann Gottes liegenden Juden».

«Den Weg ist er schon sehr alleine gegangen»
Das Leid der jüdischen Bevölkerung im zweiten Weltkrieg und die Shoa liess verschiedene Kreise in den Schweizer Kirchen hellhörig werden. Vorab um den Theologen Karl Barth, der in seinem Weihnachtsbrief von 1943 die Nazigräuel verurteilte und die Christen zur Solidarität mit den Juden aufrief. Oder um den Flüchtlingspfarrer Paul Vogt, der von Zürich-Seebach aus die jüdischen Flüchtlinge betreute und sich für sie bei den Behörden stark machte. Mit dem Blatt «Nicht fürchten ist der Harnisch» informierte er über die Vorkommnisse im Ausland und rief zum Widerstand gegen den schleichenden Nazigeist und die Gleichgültigkeit auf.
Seine Tochter Annemarie Vogt erinnert sich noch gut an die damalige dunkle Zeit. Daran, wie sie als Siebenjährige auf der Gartenmauer sass und die elenden Menschen sah, die mit geschundenen und blutenden Füssen in Zürich-Seebach ankamen und fragten: Wohnt hier Pfarrer Vogt? Bruchstückhaft bekam die Tochter vieles mit: Die Atmosphäre in der Wasserkirche, als man für die verfolgten Juden in der Fürbitte betete, die stumme Verzweiflung, wenn das Geld fehlte. Und die Wut über die anonymen Drohbriefe oder den menschlichen Kot, der ihnen zugeschickt wurde. Als Pfarrer Vogt als Landesverräter verleumdet wurde, musste er sich vor dem Obergericht verteidigen. «Mein Vater ist den Weg schon sehr alleine gegangen», meint die Tochter heute.
In der Tat: Neben diesen Kreisen gab es kirchliche Behörden wie der Schweizerische Evangelische Kirchenbund oder einzelne kantonale Synoden, die lange Zeit schwiegen, wie es die Historikerin Ursula Käser Leisibach in ihrer Arbeit «Die begnadeten Sünder» festhält.

Neubeginn der Beziehungen
Mit den Seelisberger Thesen stellten sich die christlichen Kirchen 1947 erstmals ihrer Verantwortung an dieser unheilvollen Entwicklung. Dieses Treffen, zwei Jahre nachdem in Europa sechs Millionen Menschen aus dem einzigen Grund, weil sie Juden waren, ermordet wurden, markierte einen Neubeginn in den Beziehungen zwischen Juden und Christen, meint Michel Bollag. Es bestehe kein Zweifel, dass in den letzten sechzig Jahren eine Wende innerhalb der Beziehungen vieler Christen gegenüber Juden und Judentum erfolgt seien, meint auch Ernst Ludwig Ehrlich, Professor für jüdische Geschichte.
Eine wichtige Rolle spielte dabei die Forschung und Auslegung der Bibel, die unumstösslich davon ausgeht, dass Jesus Jude war, in einem jüdischen Umfeld wirkte und predigte. Die antijudaistischen Passagen im Neuen Testament spiegeln eine Auseinandersetzung in der facettenreichen jüdischen Gesellschaft wieder und nicht der Kampf zwischen Christen und Juden. «Das Judentum der Antike kannte viele Spielarten, die Jesusbewegung war nur eine davon.»
Bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein versuchte die Theologie Jesus aus seiner jüdischen Umwelt herauszulösen, als seien nur jene Jesusworte echt, die sich nicht im Judentum nachweisen lassen. «Das Christentum von der Last des Alten Testamentes zu befreien, sei das «Credo» allen Antisemitismus», meinte dazu Bischof Kurt Koch in Seelisberg. Koch warnte weiter: Viele Zeichen der Zeit zeigen, dass die Wurzel des Antisemitismus noch keineswegs ausgerottet sei. Es brauche – auch in der Schweiz – nur den Dünger politischer und religiös manipulierter Populismen, damit diese Wurzel wieder neue Blüte treiben könne. Es gelte deshalb auf der Hut zu sein.
Ähnlich äusserte sich Thomas Wipf: Gemeinsam seien wir aufgerufen, unsere Glaubensüberzeugungen so zu leben, dass in unserem Land auch Angehörige anderer Religionsgemeinschaften Raum zur Entfaltung haben.

Tilmann Zuber, Delf Bucher

31.8.07 17:35

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HUNDEPOPEL (27.5.08 15:37)
Anläßlich der 60-Jahr-Feier zur Gründung des Staates Israel durfte ich unlängst Gast sein am historischen Berliner Gendarmenmarkt, ein bemerkenswertes historisches Ensemble im Zentrum der Bundeshauptstadt.

Ich war hochentzückt über die Freundlichkeit, Ungezwungenheit und Fröhlichkeit, die bei allen Feiernden nicht nur zu sehen, sondern auch zu spüren war.

Nur einen Moment lang war ich den Tränen nahe.
Eine kleine Bühne war aufgebaut, es sangen junge Künstler, sympathische Damen und Herren. Und da rührte es mich plötzlich bis in die Tiefen der Seele. Eine junge Dame sang gerade ein wunderbares Lied in hebräischer Sprache, es klang fröhlich und unbeschwert, und dennoch vermochte ich tief im Gesang verborgen ein Schluchzen, ein Seufzen zu vernehmen.

Dies war der bewegendste Moment meines Besuches unter Freunden.

Ich selber bin Christ und möchte mein Fazit aus dem Besuch der 60-Jahr-Feier so formulieren :

eine jüdische Feier in einer christlichen Umgebung:passt gut zusammen, alles wunderbar !

Alles Gute, Gruß und Gottes Segen Euch allen,

Pepe Engelmann

(au,au,igitt,igitt,ha,ha)
Poster HUNDEPOPEL


Wolfgang Bastian / Website (19.6.08 15:59)
Ein guter Beitrag. Als Christen haben wir den Juden sehr viele zu verdanken! Die Botschaft Jesu zum Beispiel, das Alte- und das Neue Testament. Es wurde ja von Juden für Juden und für Nichtjuden geschrieben und verbreitet. Man könnte sagen: Juden für Jesus!

Seien Sie von Gott behütet und gesegnet!

P. Wolfgang Bastian
Orth.-Kath.-Gemeinde Lauterbach/Bregana
http//www.orthodoxkatholisch.org


(27.8.10 11:43)
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