Schluss mit Zerrbildern

Interview mit dem Basler Neutestamentler Ekkehard Stegemann, erschienen im Krichenboten September 2007:

 

Schluss mit Zerrbildern

 

 

«Der Gott des Alten Testamentes ist der richtende, der des Neuen der liebende Gott». Der Basler Neutestamentler Ekkehard Stegemann nimmt Stellung zu folgenden Antijudaismen, die nach wie vor auftauchen.

 

 

Der Gott des Alten Testamentes ist der richtende und rächende Gott, der des Neuen Testamentes der Gott der Liebe.
Liebe oder Güte, beziehungsweise Barmherzigkeit werden Gott im Neuen wie im Alten Testament, im Judentum wie im Christentum zugeschrieben. Ebenso, dass Gott ein Richter und Rächer ist. Gottes «Eigenschaften» oder «Attribute» kann man geradezu so zusammenfassen, dass er ein gerechter Richter und ein liebender Erbarmer ist. Von Gott als dem Erbarmer ist im Alten Testament etwa in Ex 34,5–6 die Rede. Von Gottes offenbarem Zorngericht spricht im Neuen Testament etwa Paulus (vgl. nur Röm 1,18). Von Gottes kommendem Gericht spricht in den Evangelien aber auch Jesus (vgl. nur Lk 13,28f).


Gott hat das jüdische Volk, das verstockt war, bestraft, so dass es über die ganze Erde verstreut wurde.
«Verstockung» oder besser «Verhärtung» ist ein biblisches Konzept, für das im Alten Testament vor allem Jes 6,9–10 die Kernstelle bildet. Sie wird im Neuen Testament etwa in Mk 4,12 aufgenommen. Paulus spricht von der befristeten Verhärtung eines Teils von Israel (Röm 11,25). Sinn der Aussage ist nicht, dass sich Israel «verstockt hat», sondern dass Gott es teilweise verhärtet hat. Er hält ihnen die Augen zu, dass sie nicht erkennen, dass Gott in Christus gehandelt hat. Der Zweck ist: Die Völker sollen zunächst in ihrer Fülle zum messianischen Heilsglauben finden. Diese teilweise Verhärtung des Gottesvolkes wird jedoch aufgehoben. «Verstockung» oder «Verhärtung» ist ein Handeln Gottes, das jedoch die Erwählung nicht aufhebt. (Röm 11,29). Die «Zerstreuung» oder «Diaspora» der Juden wurde erst später mit dem Thema «Verstockung» verbunden.


Das christliche Gebot der Nächstenliebe hat das alttestamentliche Gebot «Auge um Auge» ersetzt.
Dieses «christliche Gebot der Nächstenliebe» ist ein «alttestamentliches Gebot» (vgl. Lev 19,18). Richtig ist, dass es im Neuen Testament oft als Zusammenfassung der Tora begegnet, und zwar als «Doppelgebot der Liebe» zusammen mit dem Gebot der Gottesliebe (vgl. nur Mk 12,28–34). Die rechtliche Bestimmung «Auge für Auge, Zahn für Zahn» aus Ex 21,24 stellt zwar bis heute ein angeblich barbarisches Rache- oder Vergeltungsethos dar. Tatsächlich ist es ein Talionsgesetz und Ausdruck antiker Rechtskultur, die auf die Wiederherstellung eines Gleichgewichts zielt, das durch eine Tat gestört wurde.
Vergleichbar ist etwa die auch in den antiken Ethiken schon formulierte Goldene Regel. Gleiches soll angemessen, nämlich nur mit Gleichem vergolten werden. Die Absicht des Talionsrechtes ist also deutlich die, einen durch einen Übergriff gebrochenen Frieden wiederherzustellen, ohne ihn durch die Strafe erneut zu verletzen. Ihr Hintergrund ist die soziale Wirklichkeit allgegenwärtiger Gewaltbereitschaft und blinder Rachefehden, nicht zuletzt von Stärkeren gegenüber Schwächeren. Belege dafür gibt es zuhauf. Der Anspruch auf körperliche Unversehrtheit wird also einerseits mit dem Talionsgesetz als Grundrecht gewertet und deshalb strafbewehrt, aber er wird zugleich beschränkt. Deshalb findet es sich in der jüdischen Tradition immer als Kompensationsregel. Wer Körperverletzungen begeht, muss zahlen.


Jesus war Christ, deshalb waren die Juden gegen ihn.
Jesus war ohne Zweifel Jude. Die Bezeichnung «Christ» (=Anhänger des Christus/Gesalbten Jesus von Nazareth) ist frühestens eine Generation nach Jesu Tod aufgekommen (ältester Beleg Apg 11,25). Was auf Jesus in der neutestamentlichen Überlieferung zurückgeht, ist höchst umstritten. Doch wer kann feststellen, was «nicht jüdisch» daran ist? Sicher kann behauptet werden, dass etwa der Glaube an Jesus als Gottessohn, Gesalbter und «Herr» von vielen Juden nicht geteilt wurde. Er wurde aber von Juden wie Petrus und Paulus geteilt, die keineswegs von sich behauptet haben, keine Juden (mehr) zu sein. Auch wurden sie von anderen Juden und Jüdinnen nicht als Nichtjuden angesehen. Tatsache ist aber in der Tat, dass jüdische Anhänger und Anhängerinnen Jesu sich durch ihren Christusglauben als eigene Richtung oder Bewegung im Judentum von anderen unterschieden. Und diesen Christusglauben teilte der historische Jesus kaum. Nicht zuletzt ein vorurteilsgeleitetes Judentumsbild hat dazu geführt, Jesus sein Judesein abzusprechen oder ihn in einen Gegensatz zum Judentum seiner Zeit zu stellen. Die gegenwärtige historische Jesusforschung hat mit diesem Zerrbild Schluss gemacht.


Jesus wurde vom jüdischen Volk abgelehnt und hingerichtet.
«Deshalb kam das Blut über sie und ihre Kinder».

Hingerichtet wurde Jesus vom römischen Präfekten der Provinz Judäa, Pontius Pilatus. Ob überhaupt und wie Juden im römischen Prozess eine Rolle spielten, ist umstritten. Die Darstellungen der Evangelien sind jedenfalls widersprüchlich und historisch teilweise unplausibel. Sicher hat auch nicht «das» jüdische Volk Jesus «abgelehnt». Prozess und Hinrichtung Jesu können jedenfalls plausibel aus den römischen Herrschafts- und Ordnungsinteressen erklärt werden. Dass dabei jüdische Autoritäten in Jerusalem als der römischen Herrschaft verpflichtete Garanten von Ruhe und Ordnung eine («polizeiliche» Rolle spielten, ist möglich, eine strafprozessuale aber nicht. «Sein Blut komme über uns und unsere Kinder» (Mt 27,25) ist kaum historisch. Der Evangelist Matthäus setzt ihn wohl ein, um aus der Perspektive des kastrophalen Endes des Grossen Aufstands gegen Rom (66–70 n.Chr.), die Zerstörung Jerusalems und des Tempels und die Tötung vieler Juden und ihrer Vertreibung aus dem Kernland, eine Folge von Tun und Ergehen herzustellen. Es handelt sich allerdings für Matthäus um eine Bestrafung, die mit dieser Generation vollzogen wurde. Eine ewige «Selbstverfluchung» ist das Wort nicht, wie schaurig es ansonsten auch ist.


Nur Christen kennen die Gestalt eines Messias. Die Juden lehnen einen Messias ab.
Die Gestalt eines «Messias» (von hebr. maschiach bzw. aram. Meschicha = der Gesalbte) ist ein Konzept des Judentums und meint vor allem einen künftigen gerechten König, der als von Gott mit dem Geist Gesalbter (Salbung ist ein Rechtsakt) die Herrschaft über Israel (auch in der Niederwerfung seiner Feinde und insofern auch als Herrscher über die Völker) aufrichtet und insofern Heil und Rettung bringt. Dieses Konzept hat Wurzeln im Alten Testament (etwa in der Nathansweissagung an David; vgl. 2 Sam 7,12–16). Ausgebildet wird es in der jüdischen Literatur, die vor allem im ersten Jahrhundert vor und nach der Zeitenwende entstanden ist. Das Messiaskonzept begleitet das Judentum durch die Geschichte bis heute, auch wenn es immer umstritten ist und nicht von allen geteilt wird. Insofern lehnen Juden natürlich nicht eine Messiasgestalt ab. Im Gegenteil gab und gibt es im Judentum immer auch Bewegungen, die bestimmte Personen als Messias betrachteten. Das christliche Konzept eines «Messias»/Gesalbten (gr. christos, latinisiert «Christus» wendet also ein jüdisches Konzept an, allerdings in einer Form, die es zugleich stark verändert. Nicht zuletzt wird dies daran deutlich, dass der christliche Messias zugleich eine himmlische Gestalt, der «Herrscher» im Himmel, wird.


Die Juden sind dem alttestamentlichen Gesetz unterworfen, die Christen gemäss Paulus zur Freiheit berufen.
Freiheit und Gesetz schliessen sich nicht aus. Wenn Paulus die Christusgläubigen in den galatischen Gemeinden als solche anredet, die zur Freiheit berufen worden sind, verpflichtet er sie doch zugleich auf das Gebot, was er als Hauptgebot des alttestamentlichen Gesetzes, der Tora, ansieht, nämlich auf das Gebot der Nächstenliebe (Gal 5,13f.). Es ist allerdings richtig, dass für Paulus das Gesetz beziehungsweise die Tora eine «versklavende» Funktion hat, jedoch für die Sünder. Paulus sieht die Menschheit aufgrund ihrer durch Fleischlichkeit und Begierden bestimmten Verfassung der Sünde ausgeliefert. Wem die Sünden durch Christi stellvertretende Sühne vergeben sind und wer befreit ist vom Zwang zur Sünde, der ist von dieser Verurteilung zum Tod durch das Gesetz befreit. Er ist damit aber auch zur Erfüllung des Gesetzes mit der Hilfe des Geistes und damit zum Leben befreit. «Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben» heisst es bei Goethe.


Das Alte Testament hat für Christen vor allem eine historische und kulturelle Bedeutung.
Auch das Neue Testament hat heute für nicht wenige Christen vor allem eine historische und kulturelle Bedeutung. In der Tat: Das Alte Testament war seit Markion immer als Teil der christlichen Bibel umstritten. Hier ist es meines Erachtens wichtig, sich klar zu machen, dass jene, denen wir die Schriften des Neuen Testaments verdanken, die Schriften, die dann unter dem Namen «Altes Testament» kanonisiert wurden, als heilige Schriften ansahen.

 

Ekkehard Stegemann

31.8.07 17:11

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