Wer ist im Niedergang?

DIE USA IM NIEDERGANG
Am fettesten statt am grössten

 

So titelt die heutige Ausgabe des Zürcher Tagesanzeigers folgenden Artikel von Martin Kilian, Washington, über die USA:

 

Nirgendwo wird die Kunst des nationa­len Selbstlobs und des anerkennen­den Schulterklopfens gekonnter zele­briert als in den Vereinigten Staaten.

 

Das amerikanische Image, stets kräftig poliert von Politikern und Medien, speist sich aus liebge­wordenen, weil erquicklichen Mythen: Die USA sind Nummer eins, eine laut Madeleine Albright «unverzichtbare Nation» und George W. Bush zu Folge ein vorbildliches und weltweit verbindli­ches Modell. Der amerikanische Hype beschwört die Dynamik des Landes, seine Toleranz und Grossherzigkeit sowie ein Lebensgefühl, das bes­ser scheint als anderswo.

 

 

An derlei Selbstbeweihräucherung wurde oft genug gekrittelt; schliesslich hinkte die Mytholo­gie der Realität fast immer hinterher. In diesem Sommer aber wird massiv entmythologisiert und überraschend lautstark Selbstkritik an amerika­nischen Umständen und vermeintlichen Selbst­täuschungen geübt. Ganz so wunderbar ist das gelobte Land demnach nicht, denn wie sonst könnten die Amerikaner auf der Rangliste der Lebenserwartung auf Platz 42 plumpsen – weit hinter viele europäische, einige asiatische und sogar karibische Nationen?

 

Unfähig, sich die Schnürsenkel zu binden

 

Dass die Erhebung vom US-amerikanischen Zensusbüro stammt, macht sie um so bedenkli­cher. Aber die enttäuschende Lebenserwartung war nur ein Mosaiksteinchen mehr in diesem Sommer der stimmungsmässig gedämpften Selbstbetrachtung: Die Vereinigten Staaten seien zu einer Supermacht geworden, die «unfähig ist, sich die Schnürsenkel zu binden», brachte der Autor John McQaid in der «Washington Post» die keimenden Selbstzweifel der Nation auf den Punkt. Früher habe man den Panamakanal ge­baut, einen Mann zum Mond geschickt, Welt­kriege gewonnen; jetzt aber, so McQaid, lädierten der irakische Morast, Katrina und anderweitiges Versagen die Reputation der Tatkraft.

 

Damit nicht genug, wurde bekannt, dass die US­Amerikaner, einst die körperlich grössten Men­schen, von einem Dutzend und mehr europäi­schen Nationen abgehängt worden sind und ihren Titel an die Holländer abgeben mussten. Statt die Grössten zu sein, sind die US-Amerikaner nur mehr die Fettesten; noch schlimmer aber wog, was die entsprechende Studie im angesehenen «Social Science Quarterly» als Ursache des abgebremsten Höhenwachstums in den USA ortete: Der nord­und westeuropäische Sozialstaat versorge Kinder und Jugendliche mit einem «höheren biologi­schen Lebensstandard als die mehr am freien Markt orientierte amerikanische Wirtschaft».

 

Körperliche Grösse ist historisch einer der Gradmesser für die sozioökonomische Gesund­heit einer Gesellschaft, die amerikanische aber kränkelt inzwischen an ihren fast 47 Millionen Un­versicherten, ihren bedenklichen Essgewohn­heiten und weiss der Teufel was sonst noch. Denn nach einem Vierteljahrhundert wachsender sozia­ler Ungleichheit ist das US-Paradies brüchig geworden, und soziale Mobilität hat in erschre­ckendem Mass abgenommen. Bekümmert konsta­tierte etwa der konservative Kolumnist David Brooks in der «New York Times», die Amerikaner mochten wohl noch immer an «ihre einzigartige Dynamik glauben, aber wir unterliegen damit einer Selbsttäuschung». Im Feld der westlichen Industriestaaten ist sozialer Aufstieg nur in Gross­britannien noch schwieriger als im Land der Tellerwäscher, die es im amerikanischen Märchen doch unweigerlich zum Millionär bringen.

 

Dafür verantwortlich – wie auch für ein Ge- sundheitswesen, dessen Aufwand in keinem Ver­hältnis zu seinen Leistungen steht – ist womög­lich eine ideologische Verknöcherung; der Markt, so leiern die Gralshüter des amerikanischen Tur­bokapitalismus gebetsmühlenhaft herunter, sei stets die beste Lösung aller Probleme. So unbeirr­bar wie die Sowjets einst sozialistischen Quatsch verzapften, beten die US-Eliten nun am Altar des Marktes. Dabei wäre der Staat gefordert wie selten zuvor: Dass die Infrastruktur bröselt, weiss man nicht erst seit dem Brückeneinsturz in Min­neapolis. Das Unglück spülte dieses Thema neu­erlich an die Oberfläche – und war in der nach­folgenden öffentlichen Diskussion einmal mehr Anlass, amerikanische Mythen zu überprüfen.


Vergleiche mit Rom vor dem Untergang

 

Einstürzende Brücken, die hinterherhinkende Lebenserwartung, die Agonie von New Or­leans zwei Jahre nach Katrina wie auch die schiere Zahl von beinahe 100 000 (einhundert­tausend!) US-Amerikanern, die seit 9/11 im Land des nahezu unbegrenzten Schusswaffenbesit­zes ermordet wurden, sind kaum der Stoff, aus dem sich ein Vorbild für die Völker der Welt stricken lässt. Die amerikanische Diskussion da­rüber ist freilich ebenso robust wie der Wille, die Dinge beim Namen zu nennen. Der Republi­kaner Newt Gingrich, vormals Sprecher des Washingtoner Repräsentantenhauses, beklagt sogar einen «systemweiten» Zusammenbruch des amerikanischen Staates, sei es im Gesund­heitswesen, bei der Katastrophenhilfe, im Ver­teidigungsbereich oder bei der Spionage und Aufklärung.

 

Die Inkompetenz der Bush-Administration mag damit zu tun haben, Gingrich ist indes über­zeugt, dass die staatlichen Strukturen nicht mehr funktionieren. Noch bedrohlicher lautet der som­merliche Befund David Walkers, als Chef des «Government Accountability Office» und «Comptroller General» eine Art oberster Wäch­ter über den US-amerikanischen Staat. Dieser, so Walker, stehe auf einer «brennenden Plattform», ausgezehrt von militärisch-imperialer Überdeh­nung, fiskalischem Missmanagement, unkontrol­lierter illegaler Einwanderung sowie einer chro­nischen Finanzkrise des Gesundheitswesens.
Zusehends glichen die Vereinigten Staaten der antiken Weltmacht Rom vor deren Untergang – starker Tobak in diesem Sommer der angekratz­ten amerikanischen Mythen.

 

Kommentar:

Liebe Leserin, lieber Leser

Ja, in letzter Zeit ist es wirklich mode geworden, über die USA zu lachen, über die Yankees, wie sie oft genannt werden, die so fett sind, dass sie sich die Schuhe nicht mehr zubinden können. Fast fühlt man sich ein wenig an Wilhelm Busch erinnert:

 

Kurz die Hose, lang der Rock,

krumm die Nase und der Stock, Augen schwarz und Seele grau,

Hut nach hinten, Miene schlau - So ist Schmulchen Schievelbeiner.

(Schöner ist doch unsereiner)

 

Natürlich ist dort ein anderes Volk gemeint, dass mit den „Amis“ meistens im gleichen Atemzug genannt wird. Über sie zu lachen traut man sich heutzutage weniger, über die USA zu lachen umso mehr. So wird denn auch am meisten über einen anderen Bush gelacht als wäre er die Vorzeigefigur der amerikanischen Lächerlichkeit.

 

Bei unserer Schadenfreude sollten wir jedoch nicht vergessen, dass wir dem „land of the free“, das wir für deine Politik beschimpfen und seine Kultur belächeln doch auch Einiges zu verdanken haben, das sich nicht in Körperhöhe oder Bauchumfang bemessen lässt. Wo wären wir denn heute, wenn wir vor gut 60 Jahren die Amerikaner nicht gehabt hätten? Was wäre aus uns geworden? Wie würden wir heute leben?

 

Wir werfen den Amerikanern eine „Brot und Spiele“-Mentalität vor und vergleichen die USA mit dem römischen Reich kurz vor dem Untergang. Doch sind es wirklich sie, die im Untergang begriffen sind? Sind nicht wir selber diejenigen die wie Schaulustige im Colosseum schadenfreudig auf den Zuschauerbänken sitzen und zusehen, wie die anderen Krieg führen? Sind nicht wir diejenigen, die über die Gladiatoren lachen und uns in Sicherheit wiegen?

 

Ich hielte es für keine schlechte Idee, wenn sich die christlich-jüdisch geprägten Kulturen auch mal wieder darauf besinnen würden, was uns miteinander verbindet, statt immer nur mit dem Finger auf das zu zeigen, was uns trennt. Wenn wir uns nicht daran erinnern, wer unsere Freunde sind und zueinander halten, könnte es sonst dann auf einmal sein, dass wir das Rom sind, das untergeht.

20.8.07 10:12

bisher 7 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Bernd Dahlenburg / Website (21.8.07 13:05)
Typisch großkotziges Europa.

Auf die USA schimpfen aber alles übernehmen, was von dort kommt, weil es hype ist.

Und wenn's dann einmal im eigenen Vorgarten (Balkan) oder im eigenen Haus (Weltkrieg 1 und 2) brennt, dann holt man den Feuerwehrmann jenseits des großen Teiches und beschwert sich dann bei ihm, dass er verschmutzt aus dem Haus kommt, dessen Bewohner er gerade gerettet hat.


Marquis (20.9.07 08:05)
Man fragt sich, warum fast alle eure Kinder nach USA zum Schüleraustausch wollen bzw. geschickt werden. Und nicht nach Rußland, China oder Kuweit. Wenn in USA so schlimm wäre, wären keine Spezialisten da ausgewandert, um dorthin zu arbeiten (und das doppelte zu verdienen).


Pepe Engelmann (15.6.08 02:10)
Prima die Überlegungen im obigen Artikel und notwendig das referring auf Rom, absolut gerecht der ductus, wiewohl gewitzt und gewievt, der Gedanken zur einzig möglichen Antwort :

Jawohl, die USA waren, sind und werden für absehbare Zeit sein der Ort, von dem die Stärkung der Freiheit durch reale Power ihren Ausgang nimmt.

Damit sind die USA Garant unserer sehnlichsten Wünsche.

Und das wollen wir so -- freiwillig, unbeeinflußt und aus Überzeugung !

Sei herzlich gegrüßt, Amerasu, reichen Segen und bis bald ! Pepe.http://amerasu.myblog.de/amerasu/art/5953011/Wer_ist_im_Niedergang_#
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summ / Website (5.9.08 04:10)
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