Ökumene durch Exklusivanspruch in Frage gestellt

Medienmitteilung
Bern, 10. Juli 2007



Ökumene durch Exklusivanspruch in Frage gestellt



Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) nimmt die heute veröffentlichte Stellungnahme des Vatikans zum Exklusivanspruch der römisch-katholischen Kirche zur Kenntnis. Er sieht wesentliche Errungenschaften der Ökumene in Frage gestellt.



Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) nimmt zur Kenntnis, dass der Vatikan erneut den Versuch unternimmt, den Kirchen der Reformation ihr Kirchesein abzusprechen. In einem heute durch die Kongregation für die Glaubenslehre veröffentlichten Schreiben wird die römisch-katholische als die eine, einzig wahre Kirche bezeichnet. Dies geschieht im Rahmen einiger Klärungen, die durch «irrige Interpretationen» von Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils nötig geworden seien.



Mit Sorge stellt der SEK fest, dass sich die römisch-katholische Kirche durch den Rückzug auf sich selber aus der weltweiten Gemeinschaft der Kirchen ausschliesst. Sie versteht sich selbst exklusiv als in historischer Kontinuität mit der von Christus eingesetzten Kirche und stellt damit wesentliche Errungenschaften des ökumenischen Dialogs in Frage.
 

Nach evangelischem Verständnis ist Kirche überall dort, wo im Sinne des Evangeliums gepredigt, Abendmahl und Taufe gefeiert und die Kirche ihre Verantwortung für die Welt wahrnimmt. Grundlegend ist, dass die Kirche nicht selber die Wahrheit ist, sondern auf die Wahrheit auf Christus hinweist. Die Kirchen der Reformation können sich darum in vollem Sinne als Kirchen verstehen und gleichzeitig die römisch-katholische Kirche als Schwesterkirche erkennen.  



Die reformierten Kirchen in der Schweiz sind fest entschlossen, weiterhin mit den römisch-katholischen Mitchristinnen und Mitchristen – verbunden durch die gemeinsame Taufe und den gemeinsamen Glauben – als Kirche Jesu Christi unterwegs zu sein. Unser gemeinsamer Auftrag ist der Gottesdienst, das Bezeugen des Evangeliums in unserer Gesellschaft und der Dienst am Menschen.



Hinweis: Ein Kommentar kann auf www.sek.ch <http://www.sek.ch> heruntergeladen werden.

 

Stellungnahme des Beauftragten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes für Ökumene, Pfr. Dr. Martin Hirzel zu:
„Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“ der Kongregation für Glaubenslehre


Was auch immer die Beweggründe sind: wie schon mit der Erklärung Dominus Iesus im Jahre 2000 hat der Heilige Stuhl erneut den Versuch unternommen, die Stellung der römisch-katholischen Kirche dadurch zu festigen, dass er erstens ihre vollständige Identität mit der einen wahren Kirche Christi hervorhebt, dass er zweitens einen Schulterschluss mit den or-thodoxen und orientalischen Kirchen forciert und drittens äusserst einsilbig begründet, wes-halb „den Gemeinschaften, die aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorgegangen sind“, nach römisch-katholischen Selbstverständnis der Titel „Kirche“ nicht zukomme.


In Zeiten des religiösen Pluralismus und einer globalen Verunsicherung wäre dem Versuch, die eigene Identität einer Glaubensgemeinschaft darzustellen und dadurch auch Abgrenzung in Kauf zu nehmen, nicht zu widersprechen. Der kurze Text könnte auch deshalb unerwidert bleiben, weil er in erster Linie einer innerkatholischen Pluralität entgegenwirken will und auch nichts Neues enthält. Als reformierte Kirchen sind wir keine Antwort schuldig. Nicht von Rom müssen wir uns sagen lassen, dass wir „Kirchen“ sind, so sehr uns auch die man-gelnde Anerkennung trifft. Für evangelische Christen ist die wahre Kirche immer ein Ge-schöpf des verkündigten Evangeliums. An der Schrift gilt es das eigene Kirchesein zu messen.


Doch diese formalen Zurückweisungen der Verlautbarung treffen nicht seine implizite öku-menische Tragweite. Mit brüderlicher und schwesterlicher Sorge stellen wir fest, dass sich die römisch-katholische Kirche durch den Rückzug auf sich selber aus der weltweiten Gemein-schaft der Kirchen ausschliesst, die ihre Zugehörigkeit zu der „einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche“ bekennen. Mit grossem Befremden stellen wir fest, dass darin die Grundlage einer rund vierzigjährigen erfolgreichen evangelisch-römisch-katholischen Öku-mene in Frage gestellt wird. Denn zur eigenen Abgrenzung wird ausgerechnet die Passage in der dogmatischen Konstitution Lumen gentium des zweiten Vatikanischen Konzils benutzt, die ursprünglich der bahnbrechende Versuch war, sich gegen die anderen Kirchen nicht nur abzugrenzen, sondern sich auch positiv auf sie zu beziehen. Nach langem Ringen wurde 1964 eine exklusive vollständige Identifizierung der römisch-katholischen Kirche mit der im Glau-bensbekenntnis genannten „einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche“ dadurch vermieden, dass anstelle des Verbes „ist“ (est) „verwirklicht“ (subsistit) gesetzt wurde. Dies geschah mit der Absicht, eine bessere Übereinstimmug mit der nachfolgenden Aussage zu erzielen, dass ausserhalb des Gefüges der römisch-katholischen Kirche „vielfältige Elemente der Heiligung und Wahrheit zu finden sind“. Diese Formulierungen liessen fortan sowohl Katholiken wie Protestanten mit gutem Grund die Überzeugung vertreten, die römisch-katholische Kirche hätte begonnen, nach Jahrhunderten der Verurteilung die anderen christli-chen Gemeinschaften auch als Kirchen Jesu Christi wahrzunehmen. Diese ökumenische Öff-nung wurde in der ganzen Christenheit mit Begeisterung aufgenommen. Hätte sie auf einer blossen Täuschung beruht, hätte die Ökumene nach 1965 nicht eine solche Dynamik gewon-nen. Mit Freude erinnern wir uns daran, wie die christlichen Konfessionen in ein ganz neues Verhältnis zueinander traten und ein neues geschwisterliches Miteinander der Kirchen hier in der Schweiz und weltweit möglich wurde. Wie schon in der Erklärung Dominus Iesus wird nun diesem Verständnis in der vorliegenden „Antwort“ durch eine höchst fragwürdige Inter-pretation, welche die Subsistenz der Kirche Jesu Christi in der römisch-katholischen Kirche als exklusive Subsistenz auslegt und als historische Kontinuität mit der von Christus eingeset-zen Kirche versteht, eine Abfuhr erteilt. Dass die Kirche Jesu Christi auch in anderen Kirchen „subsistiert“, was von der antiken Bedeutung des Verbes her durchaus möglich wäre, - denken wir nur an die Trinitätslehre, nach der das göttliche Wesen nicht nur in einer, sondern drei Personen (Vater, Sohn und Heiliger Geist) „subsistiert“ -,1 wird gänzlich ausgeschlossen. Damit wird auch der evangelischen Auffassung widersprochen, dass die eine Kirche Jesu Christi in einer Gemeinschaft von Kirchen subsistiert (ohne in ihr aufzugehen), welche „aufgrund der gewonnenen Übereinstimmung im Verständnis des Evangeliums einander Gemeinschaft an Wort und Sakrament gewähren“ (Leuenberger Konkordie von 1973, Art. 29). Kirch-licher Charakter kommt laut Rom den reformatorischen Kirchen lediglich durch die „vielfälti-gen Elemente der Heiligung und Wahrheit“ zu, welche im Grunde der römisch-katholischen Kirche zugehörten. Die sogenannten „kirchlichen Gemeinschaften“ sind nur insofern „kirchlich“, als von der römisch-katholischen Kirche her Licht auf sie fällt.


Erstaunt stellen wir fest, dass der Heilige Stuhl in den „Antworten auf Fragen“ in keinerlei Weise die innerkatholische Diskussion im Anschluss an Dominus Iesus berücksichtigt, die den evangelischen Kirchen gegenüber positivere Signale aussendete. Mit Dankbarkeit erin-nern wir uns an die Aussagen des jetzigen Präsidenten der Schweizer Bischofskonferenz, Bi-schof Dr. Kurt Koch, der im Jahre 2003 in einem Aufsatz zur Frage der Kircheneinheit darauf hinwies, dass es einer „verkürzenden und deshalb missverständlichen Formulierung gleichkomme, im Hinblick auf die kirchlichen Gemeinschaften zu behaupten, sie seien „nicht Kirchen im eigentlichen Sinn“ – wie das in Dominus Iesus – behauptet wird. Der – damalige – Kardinal Ratzinger hätte selbst klargestellt, das es sich dabei nicht um Nicht-Kirchen oder Scheinkirchen handle, sondern um „Kirchen in einem analogen Sinn“. Selber schlug Bischof Kurt Koch dann unter Aufnahme einer Formulierung von Kardinal Walter Kasper vor, besser von einem „neuen Typ von Kirchen“ bzw. „Kirchen eines anderen Typs“ zu sprechen.2


Das Dokument bietet deshalb keinesfalls „wertvolle Hinweise für die Fortführung des öku-menischen Dialogs“, wie der dazugehörige offizielle Kommentar feststellt. Im Gegenteil wirkt er einem in Respekt geführten Dialog gleichberechtigter Partner diametral entgegen. Er behandelt die reformatorischen Kirchen als quantité négligeable. Aus dem Text spricht eine grosse Beziehungslosigkeit. Die römisch-katholische Kirche spricht mit sich selber und ge-nügt sich fast gänzlich selber. Ökumene dient lediglich dazu, die behauptete „Fülle“ der Ein-heit der katholischen Kirche zu vergrössern. Wie evangelische Kirchen angesichts einer sol-chen Verlautbarung ernsthaft glauben sollen, dass die Fortführung des ökumenischen Dialogs eine Priorität des Pontifikats Benedikts XVI. sei, ist schwerlich nachzuvollziehen. Dazu bräuchte es eine wirkliche Bereitschaft, die ökumenischen Partner in ihrem kirchlichen Selbstverständnis ernstzunehmen; die Bereitschaft auch, an das eigene Kirchenverständnis exegetisch-historische Anfragen stellen zu lassen.


Die aufgeworfenen theologischen Sachfragen verlangen danach, aus evangelischer Sicht zu formulieren, was für uns „Kirche“ ist. Grundlegend dafür ist, dass die Kirche nicht die Wahr-heit selber ist und in sich die „Fülle der Heilsmittel“ besitzt, sondern auf die Wahrheit in Christus verweist, in dem allein die Fülle ist: „Denn aus seiner Fülle haben wir alle empfan-gen, Gnade um Gnade“ (Joh. 1,16). In Christus besteht die Einheit der wahren Kirche Jesu Christi, die wir glauben und der wir im Leben als Kirchen nachleben sollen. Sie ist überall
dort vorhanden und wird überall dort sichtbar, wo das Evangelium rein gepredigt, die Sakra-mente evangeliumsgemäss gereicht und die Gemeinde zu gemeinsamem Zeugnis und Dienst an der Welt finden. Dies geschieht nicht allein in einer der vorfindlichen Kirchen, sondern in vielen, in deren Gemeinschaft die eine Kirche Jesu Christi verwirklicht ist. Aus evangelischer Perspektive ist deshalb die Behauptung einer „vollständigen Identität“ der Kirche Jesu Christi mit der römisch-katholischen Kirche unhaltbar. Die römisch-katholische Kirche droht, einem absolutistischen Selbstverständnis zu erliegen, wenn sie glaubt, allein die eine, wahre Kirche Jesu Christi zu sein, welche die „Fülle der Heilsmittel“ besitze. Die Identität von sichtbarer, verfasster Kirche und unsichtbarer, geglaubter Kirche kann immer nur als eine indirekte und mittelbare verstanden werden, so sehr auch die geglaubte und die konkret-geschichtliche Kir-che zusammengehören. Jede verfasste, konkret existierende Kirche ist fehlbar, auch wenn sie einer göttlichen Wirklichkeit entspricht. - Den Kirchen der Reformation ihr Kirchesein mit der Begründung abzusprechen, ihr fehlten apostolische Sukzession und Eucharistie als Ele-mente der wahren Kirche, ist ebenfalls theologisch nicht haltbar: Die apostolische Sukzession ist nach evangelischer Auffassung nicht durch das Bischofsamt garantiert, sondern durch den biblischen Kanon. Und was die Eucharistie angeht, so können die in der katholischen Kirche geltende Transubstantiationslehre und die Darreichung der Eucharistie bzw. des Abendmahls in nur einer Gestalt, die im Gegensatz zum Neuen Testament stehen, nicht als Kriterium des Kircheseins dienen. Dieses kann allein die Treue zum Evangelium sein.
Als reformierte Christinnen und Christen sind wir überzeugt, dass die Errungenschaften des zweiten Vatikanischen Konzils nicht rückgängig gemacht werden können und dass sie auch in Zukunft Grundlage für eine Verminderung der trennenden Differenzen im Kirchenverständnis und damit für das Einssein der Kirchen sein werden. Auch hoffen wir sehr, dass die Ökumene in der Schweiz, an der Basis der Gemeinden, in den Ortskirchen und in der vielfältigen öku-menischen Zusammenarbeit, durch diese „Antworten“ nicht tangiert wird. Wir sind fest ent-schlossen, weiterhin mit unseren katholischen Mitchristen und Mitchristinnen, verbunden durch die gemeinsame Taufe und den gemeinsamen Glauben, als Kirche Jesu Christi unterwegs zu sein, um vor Ort gemeinsam Gottesdienst zu feiern, in Gemeinschaft das Evangelium zu bezeugen und den Menschen zu dienen.

 


1 Vgl. Eberhard Jüngel, Quo vadis ecclesia? Kritische Bemerkungen zu zwei neuen Texten der römischen Kon-gregation für die Glaubenslehre, in: „Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 15.9. 2000.


2 K. Koch, Kirchgemeinschaft oder Einheit der Kirche? Zum Ringen um eine angemessene Zielvorstellung der Ökumene, in: Kirche in ökumenischer Perspektive. Kardinal Walter Kasper zum 70. Geburtstag, hg. v. P. Walter u.a., Freiburg 2003, 135-162, 144.

 


12.7.07 15:08

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(27.8.10 11:35)
http://blogtext.org/chanelbags345/
http://blogtext.org/chanelbags1223/
http://www.blurty.com/users/chanelbags
http://www.blurty.com/users/chanelbags321
http://www.blurty.com/users/chanelbags456
http://www.blurty.com/users/chanelbags112
http://www.blurty.com/users/chanelbags7890
http://www.blurty.com/users/chanelbags345
http://chanelhandbags1987.spaces.live.com/
http://chanelbags.spaces.live.com/
^_^~~~


(29.8.10 11:24)
http://dvd01.viviti.com/
http://dvd2.viviti.com/
http://dvd3.viviti.com/
http://dvd4.viviti.com/
http://dvd6.viviti.com/
http://dvd5.viviti.com/
http://dvd7.viviti.com/
http://dvd8.viviti.com/
http://dvd9.viviti.com/
http://dvd11.viviti.com/

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen