Dilettantischer Terror, gefährlicher Terror

Aus dem CH-Tagesanzeiger vom 3. juli 2007:

 

WAS DIE AUTOBOMBEN VON LONDON UND GLASGOW UNS LEHREN


Dilettantischer Terror, gefährlicher Terror


Die Attentate in London und Glasgow scheiterten, weil sie das Werk von Amateuren waren. Für die Zukunft verheisst das gleichwohl nichts Gutes.


Von
Dominique Eigenmann


W
enn man den Politikern und Medien glaubt, dann hat in den letzten Ta­gen pures Glück verhindert, dass in Grossbritannien Dutzende oder gar Hunderte Menschen durch explodierende Auto­bomben ums Leben gekommen sind. «Bagdad in London» nannte John Stevens, höchster Anti­terrorberater der neuen britischen Regierung, den Plan vom Freitagmorgen: Erst sollte eine Au­tobombe Partygänger treffen, die aus dem Tanz­klub «Tiger Tiger» strömten, danach eine zweite die vor Panik flüchtenden Menschen. 24 Stunden später versuchten Terroristen in Glasgow einen mit Gaskanistern gefüllten Geländewagen in die Wartehalle des Flughafens zu steuern und dort zum Explodieren zu bringen. Beide Versuche scheiterten kläglich. Aus Glück?


Glück spielt aus Sicht der Sicherheitsbehörden meistens eine Rolle, wenn Attentate scheitern. So auch in London und Glasgow: Aufmerksame Au­genzeugen alarmierten die Polizei wegen ver­dächtiger Fahrzeuge, Abschrankungen verhin­derten, dass ein Kamikazefahrer durch eine Fens­terwand brechen konnte. Das eigentliche Glück war freilich, dass die Terroristen Amateure wa­ren, teuflische zwar, aber Amateure. Die präpa­rierten Autos von London etwa wurden in einer Weise abgestellt, dass sie innert Kürze Aufmerk­samkeit von Passanten auf sich zogen. Die Zün­dung der Gasbomben per Handy funktionierte nicht, obwohl sie nachweislich mindestens zwei­mal versucht wurde. Experten bezweifeln über­dies, dass die Gasflaschen in der gewählten An­ordnung überhaupt hätten explodieren können, selbst wenn sie korrekt gezündet worden wären.


In Glasgow war der Dilettantismus der Attentä­ter noch offensichtlicher: Augenscheinlich hat­ten sie die Örtlichkeiten am Flughafen nicht ein­mal ausgekundschaftet, bevor sie zur Tat fuhren.
Die gute Nachricht der letzten Tage lautet also: Islamistische Attentäter sind heute meist weniger gut ausgebildet und geführt als früher, verfügen über weniger Erfahrung, Geld und Vor­bereitungszeit als ihre Vorgänger, die seit 2001 mit ausgeklügelten Bomben überall auf der Welt Hunderte von Menschen getötet haben. Auch ist es ihnen – anders als etwa im Irak – selten mög­lich, hochwirksamen Sprengstoff zu beschaffen, weswegen sie sich auf billige, aber notorisch un­zuverlässige Gasbomben verlegen. Der perma­nente Fahndungsdruck durch Polizei und Ge­heimdienste zwingt diese selbst ernannten «Got­teskrieger » zu Fehleinschätzungen, überstürzten Handlungen und handwerklichen Fehlern. Das ist ein Trost, aber leider kein Grund zur Beruhi­gung.


Es gibt nämlich auch eine schlechte Nachricht: Radikale Muslime können heute überall prak­tisch selbstständig und in kurzer Zeit zu Terroris­ten werden, ohne dass sie zuvor auf den Radar­schirmen der Antiterrorbehörden noch auftau­chen würden. Auch greifen diese Do-it-yourself­Terroristen meist so genannt «weiche Ziele» an, die von Sicherheitskräften nicht gewohnheits­mässig geschützt werden oder überhaupt schlecht zu schützen sind: Einkaufszentren etwa, Diskotheken, Sportstadien und so weiter. Es ist dieser Typus des Attentäters, der Polizei und Ge­heimdiensten besondere Angst einjagt – nicht
weil er in der Vergangenheit besonders «erfolg­reich » gewesen wäre, sondern weil er aus dem Dunklen agiert und wie ein Gespenst plötzlich auftaucht.


Wie gewaltig die Antiterroraufgabe der Si­cherheitskräfte in Grossbritannien mittlerweile ist, verdeutlicht ein Blick auf die Zahlen: Der Chef des Inlandsgeheimdienstes MI5 erklärte kürzlich, dass sein Dienst etwa 2000 Personen im Auge habe, die aktiv in terroristische Umtriebe verwickelt seien. Seine Agenten wüssten von bis zu 200 verschiedenen «Zellen», die mindestens 30 verschiedene Attentatspläne in Arbeit hätten.


Geht man davon aus, dass mehr als 20 Agenten benötigt werden, um einen einzigen Verdächti­gen rund um die Uhr zu überwachen, kann man sich vorstellen, welches Personal nur für diese präventiven Massnahmen vonnöten ist.


Kaum ein anderes Land ist so effektiv darin, Terroranschläge zu verhindern, wie Grossbritan­nien: Eliza Manningham-Buller, damalige Chefin des MI5, erklärte im vergangenen November, dass der Inlandsgeheimdienst in den letzten 16 Monaten insgesamt 30 Attentate verhindert habe, unter ihnen fünf gross angelegte. Das Re­servoir an jungen Menschen aber, die sich aus po­litisch- religiösen Gründen bis hin zur Gewaltbe­reitschaft radikalisieren, scheint in den grossen muslimischen Einwanderergemeinden des Kö­nigreichs derzeit beinahe unerschöpflich. Bleibt nur eine Terrorgruppe unentdeckt und gelingt ihr ein Anschlag, sind in den Augen der Öffent­lichkeit alle vereitelten Pläne vergessen und wertlos.


Ob die verhinderten Attentäter von London und Glasgow – wie im Moment vermutet – «Aus­länder » oder «Einheimische» waren, ob sie im Auftrag des Terrornetzwerks al-Qaida handelten oder nur von ihm inspiriert waren, ist noch nicht bekannt. Es tut aber auch wenig zur Sache. Tatsa­che ist, dass es eine globale terroristische Jihad­Bewegung gibt, die weltweit gegen den «ungläu­bigen Westen» kämpft und dabei möglichst viel Angst und Zerstörung säen will. Dieser Wahrheit müssen nicht nur besonders gefährdete Länder wie Grossbritannien ins Auge sehen.

 




KARIKATUR STEPHANE PERAY

3.7.07 15:27

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