Ex-Terroristin in Luzern: Stadt greift nicht ein

Aus der neuen Luzerner Zeitung vom 27. Juni 2007:

 

Ex-Terroristin in Luzern:
Stadt greift nicht ein

 

Morgen tritt die ehemalige RAF-Terroristin Inge Viett

 

in der Boa auf. Der Stadtrat missbilligt die Lesung zwar, sagt sie aber nicht ab.

 
bem. «Wir distanzieren uns vom Inhalt der Veranstaltung», sagt Stadtpräsident Urs W. Studer zum morgigen Auftritt von Inge Viett in der Boa. Die ehemalige Terroristin der Rote-Armee-Fraktion (RAF) hatte 1981 in Paris einen Polizisten niedergeschossen.

 

Laut Studer missbilligt der Stadtrat «entschieden das extremistische Gedankengut und die Handlungsfolgen der heute 63-jährigen Deutschen». Eine Zensur übe der Stadtrat allerdings grundsätzlich nicht aus. Vertraglich verboten seien in der Boa lediglich Veranstaltungen mit rassistischem und sexistischem Inhalt. Eine Kürzung der öffentlichen Gelder für die Boa wegen des Auftritts von Viett ist für Studer ebenfalls kein taugliches Mittel - zumal die Boa Ende Oktober ohnehin ihre Tore schliesse.

Studer hat mit den Verantwortlichen der Boa trotzdem Kontakt aufgenommen und ihnen die Haltung und die Überlegungen des Stadtrates dargelegt. Die Boa aber hält am Auftritt von Viett fest, den die bürgerlichen Parteien harsch kritisieren.

 

Boa provoziert mit Ex-Terroristin


1981 schiesst sie in Paris
einen Polizisten nieder,
jetzt tritt sie in der Boa auf: die deutsche Ex-Terroristin Inge Viett. Trotz Kritik von (fast) allen Seiten.

 

Von Benno Mattli

 

«Das ist gesellschaftlich und moralisch in keiner Art zu unterstützen», sagt Markus Mächler. «Das ist verwerflich und eine Zumutung.» Was den CVP-Fraktionschef im Stadtparlament derart in Rage bringt, ist eine Lesung der ehemaligen RAF-Terroristin Inge Viett (siehe Kasten). Diese tritt morgen in der Boa auf. Pikant dabei: Die heute 63-jährige Deutsche Viett hat sich bis heute weder von den Gewalttaten der Rote-Armee-Fraktion (RAF) distanziert noch persönliche Reue für die begangenen Verbrechen gezeigt.
 

«Eine Provokation»

Markus Mächler ist befremdet: «Ich verstehe nicht, dass die Boa-Verantwortlichen so jemanden einladen.» Ins gleiche Horn stossen auch die anderen bürgerlichen Parteien. Der städtische FDP-Fraktionschef Christoph Brun etwa sagt: «Es ist eine Provokation, dass Viett in der Boa auftritt - einem Kulturzentrum, das von der öffentlichen Hand unterstützt wird und eine Betriebsverlängerung erhalten hat.» Die Boa erhält von der Stadt für das Jahr 2007 insgesamt 148 000 Franken. Damit kann der Kulturbetrieb bis Ende Oktober weitergeführt werden.
 
Empört ist auch die SVP: «Es ist absolut inakzeptabel und verwerflich, dass mit Hilfe von Subventionen der Stadt Luzern das Gedankengut einer Top-Terroristin verbreitet und salonfähig gemacht wird», sagt der städtische SVP-Fraktionschef Yves Holenweger. Die SVP will den Auftritt von Viett aber nicht einfach hinnehmen. Sie ruft den Stadtrat auf, bei der Boa dahingehend einzuwirken, dass die Veranstaltung ersatzlos gestrichen wird.

 

Stadtrat missbilligt Auftritt

Der Stadtrat missbilligt den Auftritt von Viett zwar, will ihn aber nicht verbieten. Eine Zensur übe der Stadtrat grundsätzlich nicht aus, teilte er gestern in einer Medienmitteilung mit. Vertraglich verboten seien in der Boa lediglich Veranstaltungen mit rassistischem und sexistischem Inhalt. Trotzdem habe Stadtpräsident Urs W. Studer mit den Verantwortlichen der Boa Kontakt aufgenommen und ihnen die ablehnende Haltung des Stadtrats dargelegt.

 

Die Boa hält trotz der Intervention des Stadtrats nach wie vor am Auftritt von Viett fest. «Viett ist eine Person der deutschen Zeitgeschichte, und mit ihrem Auftritt wollen wir die Diskussion über diese Zeit fördern», sagt Eugen Scheuch, der in der Boa für das Programm zuständig ist. Viett habe ihre Strafe abgesessen und trete in Deutschland auch an Universitäten auf. Sie kritisiere zwar nach wie vor den Kapitalismus, habe aber erkannt, dass der bewaffnete Kampf kein realistischer Weg sei. Laut Scheuch werden für den Auftritt von Viett keine öffentlichen Gelder verwendet. «Alle anfallenden Kosten werden direkt aus der Abendkasse gedeckt.» Nach der Lesung werde es eine moderierte, kritische Diskussion geben. Zudem sucht die Boa-Leitung derzeit noch nach einem Historiker, der für eine geschichtliche Einordnung des Anlasses sorgen soll.

 

Kein Problem mit dem Anlass haben die Grünen. «So lange sich Viett an die Gesetze hält, hat sie auch ein Recht aufzutreten», sagt Christa Stocker, Fraktionschefin der Grünen. Die SP findet es laut einer Medienmitteilung zwar «bedauerlich, dass die Boa einer solchen Person eine Plattform bietet». Auf der anderen Seite weist die Partei jedoch darauf hin, dass die Boa von der Stadt unabhängig sei und somit die Meinungsäusserungsfreiheit geniesse.

 

2001: Wirbel um Leila Khaled

Viett ist nicht die erste Ex-Terroristin, die in Luzern auftritt. Am 28. April 2001 war die ehemalige palästinensische Freiheitskämpferin Leila Khaled im Restaurant Parterre zu Gast - auf Einladung der linken Gruppierung Phase 1. Ursprünglich hätte sie zwar im Pfarreizentrum Barfüesser der Pfarrei St. Maria zu Franziskanern sprechen sollen, aber die Pfarreileitung verwehrte ihr kurzfristig das Gastrecht. Politiker hatten sich kritisch geäussert. Der Auftritt verlief dann normal, 80 Personen kamen - obwohl der neue Ort nicht öffentlich bekannt gemacht worden war und das Publikum sich voranmelden musste.

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Hinweis

Inge Viett in der Boa in Luzern, morgen Donnerstag, 20 Uhr, Lesung und Diskussion.

 

Eigengoal

 

I hr Auftritt sorgt bereits im Vorfeld für Wirbel. Morgen Abend wird die ehemalige RAF-Terroristin Inge Viett in der Boa in Luzern auftreten. Angesagt ist eine Lesung mit anschliessender Diskussion.

 

Die bürgerlichen Politiker sind empört. Sie bezeichnen den Auftritt der 63-jährigen Deutschen, die 1981 in Paris einen Polizisten niedergeschossen und 1975 bei der Entführung des damaligen Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz mitgemacht hatte, als Zumutung und Provokation. Auch der Luzerner Stadtrat missbilligt den Auftritt.

 
Zu Recht. Denn obwohl Viett ihre Strafe abgesessen hat, hat sie sich bis heute weder von den Gewalttaten der Rote-Armee-Fraktion (RAF) distanziert noch persönliche Reue für die begangenen Verbrechen gezeigt. Im Gegenteil: In einem kürzlich erschienenen Beitrag in einer deutschen Tageszeitung beschönigt sie den Terrorismus der RAF als «Klassenkampf von unten». Rückblickend beklagt sie gar, «dass dem Guerillakampf in der BRD und in allen imperialistischen Staaten verdammt mehr Erfahrung, Klugheit, Ausdauer und Unterstützung zu wünschen gewesen wären».

 

Diese Zitate zeigen: Viett ist nicht geläutert, sondern immer noch vom Gedankengut der RAF durchdrungen. Und das macht ihren Auftritt in der Boa problematisch. Denn die Boa gibt ihr damit eine Plattform, um ihr Gedankengut weiterverbreiten zu können.

 

Die Boa-Verantwortlichen beweisen mit der Einladung von Viett überhaupt kein Fingerspitzengefühl. Dieses aber wäre für ein Kulturzentrum, das im Jahr 2007 insgesamt 148 000 Franken an öffentlichen Geldern erhält, angebracht.

 

Der Goodwill für die Alternativkultur in der Stadt Luzern wird so weiter abnehmen, und das dürfte auch der Südpol - der Nachfolger der Boa im neuen Kulturwerkplatz Luzern-Süd - zu spüren bekommen. So gesehen, hat die Alternativkultur ein Eigengoal geschossen.

 

 

Benno Mattli

benno.mattli@neue-lz.ch

27.6.07 12:29

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