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Die Welt vereint gegen die bösen Siedler


So kommt es einem vor, wenn man die Zeitungsberichte liest, beispielsweise:

 

Bericht der Neuen Luzerner Zeitung 

 

Man hört dann immer wieder von „besetzten Gebieten“, von “illegalen“ Siedlern, die sich auf „Palästinensischen Gebiet“ befänden. Kaum jemand kümmert sich darum, dass es einen „Staat“ Palästina in dieser Form gar nie gegeben hat und dass immer Juden in „Palästina“ gelebt haben. Viele der sogenannten „besetzten“ Gebiete waren vor der Staatsgründung Israels tatsächlich 1948 mehrheitlich jüdisch. Was ist mit der Besatzung der Palästinenser? Was mit den Menschen, die sie aus ihren Wohnungen vertrieben haben?

 

Wenn israelische Soldaten, die Siedlungen von Israelis räumen, um den Palästinensern Platz zu machen, lacht das Herz der Weltöffentlichkeit über den Sieg „des Guten“.

 

Wenn hingegen palästinensische Bauunternehmungen bewusst israelitische archäologische Funde beseitigen, um Beweise zu vernichten, dass Israel jemals israelitisch gewesen sei. Schaut man tatenlos zu.

 

Wie oft habe ich es schon gemalt bekommen, das Bild der bösen Militärmacht Israel, der die armen Palästinenser unterdrückt und klein hält. Dabei macht nur ein Blick auf die Weltkarte ganz offensichtlich, wer im Nahen Osten die bedrohte Minderheit ist – Israel, niemand sonst.

 

Warum gehen wir eigentlich nicht für die Israelis auf die Strasse? Gründen Unterstützungsorganisationen? Bieten Hilfestellung? Ich wage selber nicht, darauf eine Antwort zu geben.

5 Kommentare 8.8.07 13:48, kommentieren

Wer ist im Niedergang?

DIE USA IM NIEDERGANG
Am fettesten statt am grössten

 

So titelt die heutige Ausgabe des Zürcher Tagesanzeigers folgenden Artikel von Martin Kilian, Washington, über die USA:

 

Nirgendwo wird die Kunst des nationa­len Selbstlobs und des anerkennen­den Schulterklopfens gekonnter zele­briert als in den Vereinigten Staaten.

 

Das amerikanische Image, stets kräftig poliert von Politikern und Medien, speist sich aus liebge­wordenen, weil erquicklichen Mythen: Die USA sind Nummer eins, eine laut Madeleine Albright «unverzichtbare Nation» und George W. Bush zu Folge ein vorbildliches und weltweit verbindli­ches Modell. Der amerikanische Hype beschwört die Dynamik des Landes, seine Toleranz und Grossherzigkeit sowie ein Lebensgefühl, das bes­ser scheint als anderswo.

 

 

An derlei Selbstbeweihräucherung wurde oft genug gekrittelt; schliesslich hinkte die Mytholo­gie der Realität fast immer hinterher. In diesem Sommer aber wird massiv entmythologisiert und überraschend lautstark Selbstkritik an amerika­nischen Umständen und vermeintlichen Selbst­täuschungen geübt. Ganz so wunderbar ist das gelobte Land demnach nicht, denn wie sonst könnten die Amerikaner auf der Rangliste der Lebenserwartung auf Platz 42 plumpsen – weit hinter viele europäische, einige asiatische und sogar karibische Nationen?

 

Unfähig, sich die Schnürsenkel zu binden

 

Dass die Erhebung vom US-amerikanischen Zensusbüro stammt, macht sie um so bedenkli­cher. Aber die enttäuschende Lebenserwartung war nur ein Mosaiksteinchen mehr in diesem Sommer der stimmungsmässig gedämpften Selbstbetrachtung: Die Vereinigten Staaten seien zu einer Supermacht geworden, die «unfähig ist, sich die Schnürsenkel zu binden», brachte der Autor John McQaid in der «Washington Post» die keimenden Selbstzweifel der Nation auf den Punkt. Früher habe man den Panamakanal ge­baut, einen Mann zum Mond geschickt, Welt­kriege gewonnen; jetzt aber, so McQaid, lädierten der irakische Morast, Katrina und anderweitiges Versagen die Reputation der Tatkraft.

 

Damit nicht genug, wurde bekannt, dass die US­Amerikaner, einst die körperlich grössten Men­schen, von einem Dutzend und mehr europäi­schen Nationen abgehängt worden sind und ihren Titel an die Holländer abgeben mussten. Statt die Grössten zu sein, sind die US-Amerikaner nur mehr die Fettesten; noch schlimmer aber wog, was die entsprechende Studie im angesehenen «Social Science Quarterly» als Ursache des abgebremsten Höhenwachstums in den USA ortete: Der nord­und westeuropäische Sozialstaat versorge Kinder und Jugendliche mit einem «höheren biologi­schen Lebensstandard als die mehr am freien Markt orientierte amerikanische Wirtschaft».

 

Körperliche Grösse ist historisch einer der Gradmesser für die sozioökonomische Gesund­heit einer Gesellschaft, die amerikanische aber kränkelt inzwischen an ihren fast 47 Millionen Un­versicherten, ihren bedenklichen Essgewohn­heiten und weiss der Teufel was sonst noch. Denn nach einem Vierteljahrhundert wachsender sozia­ler Ungleichheit ist das US-Paradies brüchig geworden, und soziale Mobilität hat in erschre­ckendem Mass abgenommen. Bekümmert konsta­tierte etwa der konservative Kolumnist David Brooks in der «New York Times», die Amerikaner mochten wohl noch immer an «ihre einzigartige Dynamik glauben, aber wir unterliegen damit einer Selbsttäuschung». Im Feld der westlichen Industriestaaten ist sozialer Aufstieg nur in Gross­britannien noch schwieriger als im Land der Tellerwäscher, die es im amerikanischen Märchen doch unweigerlich zum Millionär bringen.

 

Dafür verantwortlich – wie auch für ein Ge- sundheitswesen, dessen Aufwand in keinem Ver­hältnis zu seinen Leistungen steht – ist womög­lich eine ideologische Verknöcherung; der Markt, so leiern die Gralshüter des amerikanischen Tur­bokapitalismus gebetsmühlenhaft herunter, sei stets die beste Lösung aller Probleme. So unbeirr­bar wie die Sowjets einst sozialistischen Quatsch verzapften, beten die US-Eliten nun am Altar des Marktes. Dabei wäre der Staat gefordert wie selten zuvor: Dass die Infrastruktur bröselt, weiss man nicht erst seit dem Brückeneinsturz in Min­neapolis. Das Unglück spülte dieses Thema neu­erlich an die Oberfläche – und war in der nach­folgenden öffentlichen Diskussion einmal mehr Anlass, amerikanische Mythen zu überprüfen.


Vergleiche mit Rom vor dem Untergang

 

Einstürzende Brücken, die hinterherhinkende Lebenserwartung, die Agonie von New Or­leans zwei Jahre nach Katrina wie auch die schiere Zahl von beinahe 100 000 (einhundert­tausend!) US-Amerikanern, die seit 9/11 im Land des nahezu unbegrenzten Schusswaffenbesit­zes ermordet wurden, sind kaum der Stoff, aus dem sich ein Vorbild für die Völker der Welt stricken lässt. Die amerikanische Diskussion da­rüber ist freilich ebenso robust wie der Wille, die Dinge beim Namen zu nennen. Der Republi­kaner Newt Gingrich, vormals Sprecher des Washingtoner Repräsentantenhauses, beklagt sogar einen «systemweiten» Zusammenbruch des amerikanischen Staates, sei es im Gesund­heitswesen, bei der Katastrophenhilfe, im Ver­teidigungsbereich oder bei der Spionage und Aufklärung.

 

Die Inkompetenz der Bush-Administration mag damit zu tun haben, Gingrich ist indes über­zeugt, dass die staatlichen Strukturen nicht mehr funktionieren. Noch bedrohlicher lautet der som­merliche Befund David Walkers, als Chef des «Government Accountability Office» und «Comptroller General» eine Art oberster Wäch­ter über den US-amerikanischen Staat. Dieser, so Walker, stehe auf einer «brennenden Plattform», ausgezehrt von militärisch-imperialer Überdeh­nung, fiskalischem Missmanagement, unkontrol­lierter illegaler Einwanderung sowie einer chro­nischen Finanzkrise des Gesundheitswesens.
Zusehends glichen die Vereinigten Staaten der antiken Weltmacht Rom vor deren Untergang – starker Tobak in diesem Sommer der angekratz­ten amerikanischen Mythen.

 

Kommentar:

Liebe Leserin, lieber Leser

Ja, in letzter Zeit ist es wirklich mode geworden, über die USA zu lachen, über die Yankees, wie sie oft genannt werden, die so fett sind, dass sie sich die Schuhe nicht mehr zubinden können. Fast fühlt man sich ein wenig an Wilhelm Busch erinnert:

 

Kurz die Hose, lang der Rock,

krumm die Nase und der Stock, Augen schwarz und Seele grau,

Hut nach hinten, Miene schlau - So ist Schmulchen Schievelbeiner.

(Schöner ist doch unsereiner)

 

Natürlich ist dort ein anderes Volk gemeint, dass mit den „Amis“ meistens im gleichen Atemzug genannt wird. Über sie zu lachen traut man sich heutzutage weniger, über die USA zu lachen umso mehr. So wird denn auch am meisten über einen anderen Bush gelacht als wäre er die Vorzeigefigur der amerikanischen Lächerlichkeit.

 

Bei unserer Schadenfreude sollten wir jedoch nicht vergessen, dass wir dem „land of the free“, das wir für deine Politik beschimpfen und seine Kultur belächeln doch auch Einiges zu verdanken haben, das sich nicht in Körperhöhe oder Bauchumfang bemessen lässt. Wo wären wir denn heute, wenn wir vor gut 60 Jahren die Amerikaner nicht gehabt hätten? Was wäre aus uns geworden? Wie würden wir heute leben?

 

Wir werfen den Amerikanern eine „Brot und Spiele“-Mentalität vor und vergleichen die USA mit dem römischen Reich kurz vor dem Untergang. Doch sind es wirklich sie, die im Untergang begriffen sind? Sind nicht wir selber diejenigen die wie Schaulustige im Colosseum schadenfreudig auf den Zuschauerbänken sitzen und zusehen, wie die anderen Krieg führen? Sind nicht wir diejenigen, die über die Gladiatoren lachen und uns in Sicherheit wiegen?

 

Ich hielte es für keine schlechte Idee, wenn sich die christlich-jüdisch geprägten Kulturen auch mal wieder darauf besinnen würden, was uns miteinander verbindet, statt immer nur mit dem Finger auf das zu zeigen, was uns trennt. Wenn wir uns nicht daran erinnern, wer unsere Freunde sind und zueinander halten, könnte es sonst dann auf einmal sein, dass wir das Rom sind, das untergeht.

8 Kommentare 20.8.07 10:12, kommentieren

DIE SEELISBERGER THESEN

DIE SEELISBERGER THESEN

 

  1. Es ist hervorzuheben, dass ein und derselbe Gott durch das Alte und Neue Testament zu uns allen spricht.
  2. Es ist hervorzuheben, dass Jesus von einer jüdischen Mutter aus dem Ge­schlechte Davids und dem Volke Israel geboren wurde, und dass seine ewige Liebe und Vergebung sein eigenes Volk und die ganze Welt umfasst.
  3. Es ist hervorzuheben, dass die ersten Jünger, die Apostel und die ersten Märtyrer Juden waren.
  4. Es ist hervorzuheben, dass das grösste Gebot für die Christenheit, die Lie­be zu Gott und zum Nächsten, schon im Alten Testament verkündigt, von Jesus bestätigt, für beide, Christen und Juden, gleich bindend ist, und zwar in allen menschlichen Beziehun­gen und ohne jede Ausnahme.
  5. Es ist zu vermeiden, dass das biblische und nachbiblische Judentum herabge­setzt wird, um dadurch das Christen­tum zu erhöhen.
  6. Es ist zu vermeiden, dass Wort Ju­den" in der ausschliesslichen Bedeu­tung Feinde Jesu" zu gebrauchen, oder auch die Worte die Feinde Jesu", um damit das ganze jüdische Volk zu bezeichnen.
  7. Es ist zu vermeiden, die Passionsge­schichte so darzustellen, als ob alle Juden oder die Juden allein mit dem Odium der Tötung Jesu belastet seien. Tatsächlich waren nicht alle Juden, welche den Tod Jesu gefordert haben. Nicht die Juden alleine sind dafür ver­antwortlich, denn das Kreuz, das uns alle rettet, offenbart uns, dass Christus für unser aller Sünden gestorben ist. Es ist allen christlichen Eltern und Leh­rern die schwere Verantwortung vor Augen zu stellen, die sie übernehmen, wenn sie die Passionsgeschichte in einer oberflächlichen Art darstellen. Da­durch laufen sie Gefahr, eine Abnei­gung in das Bewusstsein ihrer Kinder oder Zuhörer zu pflanzen, sei es ge­wollt oder ungewollt. Aus psychologi­schen Gründen kann in einem einfa­chen Gemüt, das durch leidenschaftli­che Liebe und Mitgefühl zum gekreu­zigten Erlöser bewegt wird, der natürli­che Abscheu gegen die Verfolger Jesu sich leicht in einen unterschiedslosen Hass gegen alle Juden aller Zeiten, auch gegen diejenigen unserer Zeit, verwandeln.
  8. Es ist zu vermeiden, dass die Ver­fluchung in der Heiligen Schrift oder das Geschrei einer rasenden Volks­menge: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder" behandelt wird, ohne daran zu erinnern, dass dieser Schrei die Worte unseres Herrn nicht aufzuwiegen vermag: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun", Worte, die unendlich mehr Ge­wicht haben.
  9. Es ist zu vermeiden, dass der gottlo­sen Meinung Vorschub geleistet wird, wonach das jüdische Volk verworfen, verflucht und für ein ständiges Leiden bestimmt sei.
  10. Es ist zu vermeiden, die Tatsache unerwähnt zu lassen, dass die ersten Mitglieder der Kirche Juden waren.

 

Die Broschüre „60 Jahre Seelisberger Thesen“ wurde herausgegeben vom Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG), der Schweizer Bischofskonferenz (SBK) und dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK).

 

Die gesamte Broschüre kann zum Preis von 5SFR bezogen werden bei info@swissjews.org, sbk-ces@gmx.ch, info@sek-feps.ch oder im Internetshop des SEK: http://www.sek-feps.ch/shop/index.php

2 Kommentare 30.8.07 09:59, kommentieren

Schluss mit Zerrbildern

Interview mit dem Basler Neutestamentler Ekkehard Stegemann, erschienen im Krichenboten September 2007:

 

Schluss mit Zerrbildern

 

 

«Der Gott des Alten Testamentes ist der richtende, der des Neuen der liebende Gott». Der Basler Neutestamentler Ekkehard Stegemann nimmt Stellung zu folgenden Antijudaismen, die nach wie vor auftauchen.

 

 

Der Gott des Alten Testamentes ist der richtende und rächende Gott, der des Neuen Testamentes der Gott der Liebe.
Liebe oder Güte, beziehungsweise Barmherzigkeit werden Gott im Neuen wie im Alten Testament, im Judentum wie im Christentum zugeschrieben. Ebenso, dass Gott ein Richter und Rächer ist. Gottes «Eigenschaften» oder «Attribute» kann man geradezu so zusammenfassen, dass er ein gerechter Richter und ein liebender Erbarmer ist. Von Gott als dem Erbarmer ist im Alten Testament etwa in Ex 34,5–6 die Rede. Von Gottes offenbarem Zorngericht spricht im Neuen Testament etwa Paulus (vgl. nur Röm 1,18). Von Gottes kommendem Gericht spricht in den Evangelien aber auch Jesus (vgl. nur Lk 13,28f).


Gott hat das jüdische Volk, das verstockt war, bestraft, so dass es über die ganze Erde verstreut wurde.
«Verstockung» oder besser «Verhärtung» ist ein biblisches Konzept, für das im Alten Testament vor allem Jes 6,9–10 die Kernstelle bildet. Sie wird im Neuen Testament etwa in Mk 4,12 aufgenommen. Paulus spricht von der befristeten Verhärtung eines Teils von Israel (Röm 11,25). Sinn der Aussage ist nicht, dass sich Israel «verstockt hat», sondern dass Gott es teilweise verhärtet hat. Er hält ihnen die Augen zu, dass sie nicht erkennen, dass Gott in Christus gehandelt hat. Der Zweck ist: Die Völker sollen zunächst in ihrer Fülle zum messianischen Heilsglauben finden. Diese teilweise Verhärtung des Gottesvolkes wird jedoch aufgehoben. «Verstockung» oder «Verhärtung» ist ein Handeln Gottes, das jedoch die Erwählung nicht aufhebt. (Röm 11,29). Die «Zerstreuung» oder «Diaspora» der Juden wurde erst später mit dem Thema «Verstockung» verbunden.


Das christliche Gebot der Nächstenliebe hat das alttestamentliche Gebot «Auge um Auge» ersetzt.
Dieses «christliche Gebot der Nächstenliebe» ist ein «alttestamentliches Gebot» (vgl. Lev 19,18). Richtig ist, dass es im Neuen Testament oft als Zusammenfassung der Tora begegnet, und zwar als «Doppelgebot der Liebe» zusammen mit dem Gebot der Gottesliebe (vgl. nur Mk 12,28–34). Die rechtliche Bestimmung «Auge für Auge, Zahn für Zahn» aus Ex 21,24 stellt zwar bis heute ein angeblich barbarisches Rache- oder Vergeltungsethos dar. Tatsächlich ist es ein Talionsgesetz und Ausdruck antiker Rechtskultur, die auf die Wiederherstellung eines Gleichgewichts zielt, das durch eine Tat gestört wurde.
Vergleichbar ist etwa die auch in den antiken Ethiken schon formulierte Goldene Regel. Gleiches soll angemessen, nämlich nur mit Gleichem vergolten werden. Die Absicht des Talionsrechtes ist also deutlich die, einen durch einen Übergriff gebrochenen Frieden wiederherzustellen, ohne ihn durch die Strafe erneut zu verletzen. Ihr Hintergrund ist die soziale Wirklichkeit allgegenwärtiger Gewaltbereitschaft und blinder Rachefehden, nicht zuletzt von Stärkeren gegenüber Schwächeren. Belege dafür gibt es zuhauf. Der Anspruch auf körperliche Unversehrtheit wird also einerseits mit dem Talionsgesetz als Grundrecht gewertet und deshalb strafbewehrt, aber er wird zugleich beschränkt. Deshalb findet es sich in der jüdischen Tradition immer als Kompensationsregel. Wer Körperverletzungen begeht, muss zahlen.


Jesus war Christ, deshalb waren die Juden gegen ihn.
Jesus war ohne Zweifel Jude. Die Bezeichnung «Christ» (=Anhänger des Christus/Gesalbten Jesus von Nazareth) ist frühestens eine Generation nach Jesu Tod aufgekommen (ältester Beleg Apg 11,25). Was auf Jesus in der neutestamentlichen Überlieferung zurückgeht, ist höchst umstritten. Doch wer kann feststellen, was «nicht jüdisch» daran ist? Sicher kann behauptet werden, dass etwa der Glaube an Jesus als Gottessohn, Gesalbter und «Herr» von vielen Juden nicht geteilt wurde. Er wurde aber von Juden wie Petrus und Paulus geteilt, die keineswegs von sich behauptet haben, keine Juden (mehr) zu sein. Auch wurden sie von anderen Juden und Jüdinnen nicht als Nichtjuden angesehen. Tatsache ist aber in der Tat, dass jüdische Anhänger und Anhängerinnen Jesu sich durch ihren Christusglauben als eigene Richtung oder Bewegung im Judentum von anderen unterschieden. Und diesen Christusglauben teilte der historische Jesus kaum. Nicht zuletzt ein vorurteilsgeleitetes Judentumsbild hat dazu geführt, Jesus sein Judesein abzusprechen oder ihn in einen Gegensatz zum Judentum seiner Zeit zu stellen. Die gegenwärtige historische Jesusforschung hat mit diesem Zerrbild Schluss gemacht.


Jesus wurde vom jüdischen Volk abgelehnt und hingerichtet.
«Deshalb kam das Blut über sie und ihre Kinder».

Hingerichtet wurde Jesus vom römischen Präfekten der Provinz Judäa, Pontius Pilatus. Ob überhaupt und wie Juden im römischen Prozess eine Rolle spielten, ist umstritten. Die Darstellungen der Evangelien sind jedenfalls widersprüchlich und historisch teilweise unplausibel. Sicher hat auch nicht «das» jüdische Volk Jesus «abgelehnt». Prozess und Hinrichtung Jesu können jedenfalls plausibel aus den römischen Herrschafts- und Ordnungsinteressen erklärt werden. Dass dabei jüdische Autoritäten in Jerusalem als der römischen Herrschaft verpflichtete Garanten von Ruhe und Ordnung eine («polizeiliche» Rolle spielten, ist möglich, eine strafprozessuale aber nicht. «Sein Blut komme über uns und unsere Kinder» (Mt 27,25) ist kaum historisch. Der Evangelist Matthäus setzt ihn wohl ein, um aus der Perspektive des kastrophalen Endes des Grossen Aufstands gegen Rom (66–70 n.Chr.), die Zerstörung Jerusalems und des Tempels und die Tötung vieler Juden und ihrer Vertreibung aus dem Kernland, eine Folge von Tun und Ergehen herzustellen. Es handelt sich allerdings für Matthäus um eine Bestrafung, die mit dieser Generation vollzogen wurde. Eine ewige «Selbstverfluchung» ist das Wort nicht, wie schaurig es ansonsten auch ist.


Nur Christen kennen die Gestalt eines Messias. Die Juden lehnen einen Messias ab.
Die Gestalt eines «Messias» (von hebr. maschiach bzw. aram. Meschicha = der Gesalbte) ist ein Konzept des Judentums und meint vor allem einen künftigen gerechten König, der als von Gott mit dem Geist Gesalbter (Salbung ist ein Rechtsakt) die Herrschaft über Israel (auch in der Niederwerfung seiner Feinde und insofern auch als Herrscher über die Völker) aufrichtet und insofern Heil und Rettung bringt. Dieses Konzept hat Wurzeln im Alten Testament (etwa in der Nathansweissagung an David; vgl. 2 Sam 7,12–16). Ausgebildet wird es in der jüdischen Literatur, die vor allem im ersten Jahrhundert vor und nach der Zeitenwende entstanden ist. Das Messiaskonzept begleitet das Judentum durch die Geschichte bis heute, auch wenn es immer umstritten ist und nicht von allen geteilt wird. Insofern lehnen Juden natürlich nicht eine Messiasgestalt ab. Im Gegenteil gab und gibt es im Judentum immer auch Bewegungen, die bestimmte Personen als Messias betrachteten. Das christliche Konzept eines «Messias»/Gesalbten (gr. christos, latinisiert «Christus» wendet also ein jüdisches Konzept an, allerdings in einer Form, die es zugleich stark verändert. Nicht zuletzt wird dies daran deutlich, dass der christliche Messias zugleich eine himmlische Gestalt, der «Herrscher» im Himmel, wird.


Die Juden sind dem alttestamentlichen Gesetz unterworfen, die Christen gemäss Paulus zur Freiheit berufen.
Freiheit und Gesetz schliessen sich nicht aus. Wenn Paulus die Christusgläubigen in den galatischen Gemeinden als solche anredet, die zur Freiheit berufen worden sind, verpflichtet er sie doch zugleich auf das Gebot, was er als Hauptgebot des alttestamentlichen Gesetzes, der Tora, ansieht, nämlich auf das Gebot der Nächstenliebe (Gal 5,13f.). Es ist allerdings richtig, dass für Paulus das Gesetz beziehungsweise die Tora eine «versklavende» Funktion hat, jedoch für die Sünder. Paulus sieht die Menschheit aufgrund ihrer durch Fleischlichkeit und Begierden bestimmten Verfassung der Sünde ausgeliefert. Wem die Sünden durch Christi stellvertretende Sühne vergeben sind und wer befreit ist vom Zwang zur Sünde, der ist von dieser Verurteilung zum Tod durch das Gesetz befreit. Er ist damit aber auch zur Erfüllung des Gesetzes mit der Hilfe des Geistes und damit zum Leben befreit. «Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben» heisst es bei Goethe.


Das Alte Testament hat für Christen vor allem eine historische und kulturelle Bedeutung.
Auch das Neue Testament hat heute für nicht wenige Christen vor allem eine historische und kulturelle Bedeutung. In der Tat: Das Alte Testament war seit Markion immer als Teil der christlichen Bibel umstritten. Hier ist es meines Erachtens wichtig, sich klar zu machen, dass jene, denen wir die Schriften des Neuen Testaments verdanken, die Schriften, die dann unter dem Namen «Altes Testament» kanonisiert wurden, als heilige Schriften ansahen.

 

Ekkehard Stegemann

2 Kommentare 31.8.07 17:11, kommentieren

Neubeginn der Beziehungen


Mit den «10 Seelisberger Thesen» wurde vor sechzig Jahren der christlich-jüdische Dialog begründet. Rückblick auf zweitausend
Jahre Geschichte, die durch Vorurteile, Hass und Leid geprägt war. Aus dem September Kirchenboten:

 

 

SEELISBERG • Der Regen hatte kurz ausgesetzt, als sich eine Schar christlicher und jüdischer Würdenträger in Luzern hinter dem Bahnhof versammelte, um nach Seelisberg zu fahren. Denn im verschlafenen Feriendorf über dem Vierwaldstättersee fand ein Festakt zum 60-Jahre-Jubiläum der «Dringlichkeitskonferenz gegen den Antisemitismus» statt.
150 Gäste und Medienvertreter kamen zur Feier in der Turnhalle, darunter Thomas Wipf, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, der Zürcher Kirchenratspräsident Ruedi Reich, Michel Bollag, Leiter des Zürcher Lehrhauses, Alfred Donath, Präsident der israelitischen Gemeinschaften der Schweiz oder Norbert Hofmann, Sekretär für die religiösen Beziehungen zum Judentum des Heiligen Stuhls. Am Nachmittag traf Bischof Kurt Koch als Vertreter der Bischofskonferenz ein.
Schon die Gästeliste zeigte die Bedeutung dieser Konferenz, die vor sechzig Jahren im beschaulichen Hotel Kulm stattgefunden hatte. Unter dem Eindruck der Verbrechen der Nazis an der jüdischen Bevölkerung trafen sich 1947 Vertreter christlicher Kirchen mit denen jüdischer Gemeinden und formulierten zehn Thesen zur Überwindung des kirchlichen Antisemitismus.

Fatale Wirkungsgeschichte
Die Auseinandersetzung zwischen der jüdischen und den ersten jüdisch-hellenistischen-christlichen Gemeinden, führte indirekt zum Völkermord der Nazis. Sätze des Neuen Testaments – wie «Sein Blut komme über uns» oder «Wenn Gott euer Vater werde, würdet ihr mich lieben... Ihr stammt vom Teufel ab, als eurem Vater.» (Joh 8,40 - 44) – entstanden aus dem Zwist zwischen der Synagoge und den urchristlichen Gemeinden im ersten Jahrhundert.
Sie wurden jedoch als generelle Aussagen über die Juden verstanden und entwickelten eine fatale Wirkungsgeschichte. Sie dienten immer wieder zur Rechtfertigung der Diskriminierung und der Progrome an der jüdischen Bevölkerung. Die Juden wurden zum Heilandstöter, zum verfluchten Volk, das ohne den Schutz Gottes über die Erde verstreut war.
«Der religiös motivierte Antijudaismus wurde zur allgemeinen Ideologie, welche die persönliche, gesellschaftliche und politische Mentalität bestimmte», meint der Theologe Werner Kramer, Präsident der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz. «So entstand der Nährboden, auf dem sich im 19. und 20. Jahrhundert der rassenbiologisch begründete Antisemitismus entwickeln und ausbreiten konnte.»

Am Rand der Gesellschaft
Als das Christentum im vierten Jahrhundert im römischen Reich Staatsreligion wurde, wurden Juden im besten Fall geduldet. Sie standen ausserhalb der Kirche und der christlichen Gesellschaft und durften nur in Quartieren leben und in den Sparten arbeiten, die Christen zu «schmutzig» waren. Da die mittelalterlichen Kirchen den Christen auf Grund des biblischen Zinsverbotes das Geldverleihen verbot, mussten Juden für den Geldfluss sorgen. Die Figur des geldgierigen Judens war geboren.
Stereotyp wurden Vulgärvorwürfe gegen die «Juden» wiederholt und von Generation zu Generation weitergegeben. Man bezichtigte sie der Brunnenvergiftung, Lüs-ternheit gegenüber Christinnen oder der Ursprung von Pestepidemien zu sein. Juden wurden zu klassischen Sündenböcken, die verfolgt, vertrieben und tot geschlagen wurden. Überall in Europa richtet man im Mittelalter für sie Scheiterhaufen auf. In Basel und Zürich kam es während den Pestepidemien zu Progromen, in denen sich beispielsweise 1348/49 ehrbare Zürcher Bürger, wie der Bürgermeister Rudolf Brun, bereicherten.
Für Matthias Krieg, Theologe und Germanist, zeigt sich diese unheilvolle Entwicklung auch in der Figur des Judas: «Es war verhängnisvoll, dass Judas, der zum Verräter am Messias dämonisiert wurde, nach dem Land Judäa hiess.» Das habe die Türen geöffnet für den theologischen Antisemitismus, der sich in mittelalterlichen Ritualen wie Judasjagen und Judasverbrennen auslebten. Christen verbrannten den Judas und meinten die Juden.
An der Haltung der Kirchen gegenüber den Juden änderte die Reformation wenig: Doch während Martin Luther in seinen Tiraden die Juden nicht nur zum Teufel wünschte, sondern zur Brandschatzung und zum Totschlag aufrief, sind solche Töne bei Huldrych Zwingli nicht zu finden. Der Zürcher Reformator betonte die Einheit des Alten Testament. Es passt ganz zu seiner Geisteshaltung, dass sowohl der getaufte Jude Michael Adam bei der Übersetzung des Alten Testamentes mitwirkte, wie auch, dass Zwingli in direktem Kontakt mit dem Arzt Moses von Winterthur stand. Weniger glänzend steht dagegen Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger da: Er riet den reformierten Augsburgern 1572 ab, den Juden in ihrer Stadt das Aufenthaltsrecht zu gewähren. Aber gegenüber Luthers Pamphleten scheinen Bullingers Äusserungen indes den Antisemitismus seiner Zeit abgemildert wiederzugeben.
Auch die spätere reformierte Pfarrerschaft war gegenüber den Juden unentschieden. Dafür steht beispielsweise der Zürcher Pfarrer Johann Caspar Ulrich (1705 bis 1768). Er begegnete den Juden offen und freundlich und hat sogar eine koschere Küche zur Verköstigung jüdischer Gäste eingerichtet. Der Zürcher Pfarrer tischte aber seinen jüdischen Gästen nicht nur auf, sondern missionierte sie – zum Beispiel den Juden Joseph Guggenheim. Der getaufte Guggenheim stürzte in eine schwere Identitätskrise. In den letzten Lebensjahren lebte er in geis-tiger Umnachtung.
Typisch für den ansonsten judenfreundlichen Ulrich: Trotz seines Respektes gegenüber der jüdischen Kultur rechtfertigte er die Judenverfolgung in den Zeiten der Pest als ein «gerechtes Gericht Gottes über die unter dem erschrecklichen Bann Gottes liegenden Juden».

«Den Weg ist er schon sehr alleine gegangen»
Das Leid der jüdischen Bevölkerung im zweiten Weltkrieg und die Shoa liess verschiedene Kreise in den Schweizer Kirchen hellhörig werden. Vorab um den Theologen Karl Barth, der in seinem Weihnachtsbrief von 1943 die Nazigräuel verurteilte und die Christen zur Solidarität mit den Juden aufrief. Oder um den Flüchtlingspfarrer Paul Vogt, der von Zürich-Seebach aus die jüdischen Flüchtlinge betreute und sich für sie bei den Behörden stark machte. Mit dem Blatt «Nicht fürchten ist der Harnisch» informierte er über die Vorkommnisse im Ausland und rief zum Widerstand gegen den schleichenden Nazigeist und die Gleichgültigkeit auf.
Seine Tochter Annemarie Vogt erinnert sich noch gut an die damalige dunkle Zeit. Daran, wie sie als Siebenjährige auf der Gartenmauer sass und die elenden Menschen sah, die mit geschundenen und blutenden Füssen in Zürich-Seebach ankamen und fragten: Wohnt hier Pfarrer Vogt? Bruchstückhaft bekam die Tochter vieles mit: Die Atmosphäre in der Wasserkirche, als man für die verfolgten Juden in der Fürbitte betete, die stumme Verzweiflung, wenn das Geld fehlte. Und die Wut über die anonymen Drohbriefe oder den menschlichen Kot, der ihnen zugeschickt wurde. Als Pfarrer Vogt als Landesverräter verleumdet wurde, musste er sich vor dem Obergericht verteidigen. «Mein Vater ist den Weg schon sehr alleine gegangen», meint die Tochter heute.
In der Tat: Neben diesen Kreisen gab es kirchliche Behörden wie der Schweizerische Evangelische Kirchenbund oder einzelne kantonale Synoden, die lange Zeit schwiegen, wie es die Historikerin Ursula Käser Leisibach in ihrer Arbeit «Die begnadeten Sünder» festhält.

Neubeginn der Beziehungen
Mit den Seelisberger Thesen stellten sich die christlichen Kirchen 1947 erstmals ihrer Verantwortung an dieser unheilvollen Entwicklung. Dieses Treffen, zwei Jahre nachdem in Europa sechs Millionen Menschen aus dem einzigen Grund, weil sie Juden waren, ermordet wurden, markierte einen Neubeginn in den Beziehungen zwischen Juden und Christen, meint Michel Bollag. Es bestehe kein Zweifel, dass in den letzten sechzig Jahren eine Wende innerhalb der Beziehungen vieler Christen gegenüber Juden und Judentum erfolgt seien, meint auch Ernst Ludwig Ehrlich, Professor für jüdische Geschichte.
Eine wichtige Rolle spielte dabei die Forschung und Auslegung der Bibel, die unumstösslich davon ausgeht, dass Jesus Jude war, in einem jüdischen Umfeld wirkte und predigte. Die antijudaistischen Passagen im Neuen Testament spiegeln eine Auseinandersetzung in der facettenreichen jüdischen Gesellschaft wieder und nicht der Kampf zwischen Christen und Juden. «Das Judentum der Antike kannte viele Spielarten, die Jesusbewegung war nur eine davon.»
Bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein versuchte die Theologie Jesus aus seiner jüdischen Umwelt herauszulösen, als seien nur jene Jesusworte echt, die sich nicht im Judentum nachweisen lassen. «Das Christentum von der Last des Alten Testamentes zu befreien, sei das «Credo» allen Antisemitismus», meinte dazu Bischof Kurt Koch in Seelisberg. Koch warnte weiter: Viele Zeichen der Zeit zeigen, dass die Wurzel des Antisemitismus noch keineswegs ausgerottet sei. Es brauche – auch in der Schweiz – nur den Dünger politischer und religiös manipulierter Populismen, damit diese Wurzel wieder neue Blüte treiben könne. Es gelte deshalb auf der Hut zu sein.
Ähnlich äusserte sich Thomas Wipf: Gemeinsam seien wir aufgerufen, unsere Glaubensüberzeugungen so zu leben, dass in unserem Land auch Angehörige anderer Religionsgemeinschaften Raum zur Entfaltung haben.

Tilmann Zuber, Delf Bucher

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